Gemeinsame Ausstellung in Michaelskirche und im Museum zu Bibelfliesen

Sie sind hier: Start > Ausstellungen & Veranstaltungen > Gemeinsame Ausstellung in Michaelskirche und im Museum zu Bibelfliesen
2012

Am Samstag, dem 5. Mai 2012, um 11.00 Uhr wurde in der Michaelskirche eine Doppelausstellung zum Thema Bibelfliesen eröffnet:

In der Michaelskirche selbst wird eine Ausstellung zu sehen sein, die seit 2003 von einem ehrenamtlichen Team in der alten ostfriesischen Hafenstadt Norden 2005 beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hannover gezeigt wurde und seitdem schon an vielen Orten in Deutschland zu sehen war, mehrfach auch im Südwesten. In einer zweiten Ausstellung stellt dazu das Museum der Stadt am Alten Markt mit Fliesen aus Privatbesitz ergänzende Aspekte und weitere Motive zum selben Thema aus. Nach der Begrüßung durch Dekan Ekkehard Leytz und Bürgermeister Bernhard Martin führen Pastor Kurt Perrey vom Norder Bibelfliesenteam und Prof. Reinhard Stupperich vom Museumsverein in die Thematik der Ausstellungen ein. Dabei geht es einerseits um den Bezug der Fliesenbilder auf die Bibel, andererseits um die Herkunft dieser Bilder und ihre Umwandlung durch ihre im Lauf der Zeit sich ändernde Verwendung. Anschließend werden die Besucher zu einem Empfang in der zweiten Ausstellung im Museum am Alten Markt gebeten. Stefanie Bartsch, Barock-Oboe, und Elke Kleinert-Endlich, Blockflöte, ergänzen das Programm akustisch passend mit Musik aus der Zeit, in der die Fliesen entstanden. Die Ausstellung in der Michaelskirche wird bis zum 24. Juni laufen, die im Museum der Stadt Eberbach bis zum 28. Oktober.

In einer Zeit, in der es in normalen Haushalten kaum irgendwelche Bilder gab, mußten selbst vereinfachte einfarbige Bildszenen starken Eindruck auf die Betrachter ausüben. Glasierte Fliesen, die zum Feuer- und Nässeschutz an der Wand angebracht wurden, waren dafür bestens als Bildträger geeignet. In den Niederlanden wurden solche Fliesen seit dem 16. Jh. mit verschiedensten Motiven bemalt; zuerst farbig von eingewanderten italienischen Künstlern, seit dem Beginn des 17. Jh. dann Blau auf Weiß bemalt und weithin im nördlichen Mitteleuropa vertrieben. Es gab auch über mehrere Fliesen gemalte Bilder – je größer die Bilder waren, desto teurer wurden sie auch. Wie auch sonst in der Kunst der Zeit überwiegen biblische Bildthemen alle anderen Themen. Natürlich schmückten sie nicht nur die Feuer- und Küchenstellen in normalen Haushalten, sondern – als Mode mit zum Teil großen Bildern – auch die Küchen reicher Häuser und im 18. Jh. sogar in vielen Schlössern von Süddeutschland – in unserer Region etwa in Schwetzingen und Rastatt – bis weit nach Polen und Rußland. Die private Fliesenwand übernahm im privaten Rahmen also eine ähnliche Funktion wie die ausgemalten Kirchen des späten Mittelalters. So sind die Bibelfliesen Zeugnisse dafür, wie weit in den früheren Jahrhunderten das Interesse an der Bilderwelt der biblischen Geschichten verbreitet und wie sehr sie im Alltag visuell präsent waren. Man kann sich gut vorstellen, daß manche der alten Geschichten erst aufgrund ihrer Bildfassung das Interesse der Betrachter erregten.

Bild 1: Jonas wartet auf Ninives Untergang

Glasurfliesen wurden wie die Fayencen in gleicher Technik zuerst in den südlichen Niederlanden farbig hergestellt, dann unter dem Einfluß von blau-weißem chinesischem Porzellan der späten Ming-Zeit blau oder seltener altrosa (genannt manganfarben), gelegentlich beides kombiniert. Seit dem mittleren 17. Jh. lag der Schwerpunkt der Fliesenherstellung in den protestantischen nördlichen Niederlanden. Wie die meisten figürlich bemalten Fliesen sind auch die Bibelfliesen mit Bildern nach Kupferstichen bemalt – in diesem Fall also Stichen aus illustrierten Bibelausgaben vor allem des 17. Jh., die sich an der Arbeit bekannter Künstler wie Matthäus Merian orientierten. Eine Reihe von Werkstätten in Amsterdam und Rotterdam bot sehr feingemalte und vielgestaltige Szenen, die zum Teil durch Architekturdetails oder Ausblicke in die Landschaft ausgestaltet waren. Gelegentlich, wenn auch selten kommt es sogar vor, daß im Hintergrund eine weitere Szene derselben Geschichte dargestellt wird – ein beliebtes Verfahren bei den als Vorbild dienenden Kupferstichen, wenn zu viele Erzählinformationen in die Illustrationen gesteckt werden sollen. Manche Fliesen werden später allerdings gegenüber den Vorlagen so vereinfacht, daß man die Szenen nur durch Detailvergleich identifizieren kann. Das war bei der steigenden Produktionsmasse besonders in Utrecht und in der Provinz Friesland der Fall, von wo aus Norddeutschland im 18. und 19. Jh. beliefert wurde.

Bild 2: karikaturartige Bibelszenen des späten 17. Jh.

Bild 3: Fliesen zu Heilungsgeschichte

Bild 4: Passionsgeschichte auf Fliesen

Weitere Informationsmöglichkeiten bietet ein Büchertisch in der Michaelskirche. Das Norder Bibelfliesenteam hat nicht nur einen Katalog der ausgestellten Fliesen und Hefte zu verschiedenen Themen auf den Bibelfliesen herausgebracht, sondern sogar eine Fliesenbibel, also eine Bibel, die mit Beispielen von allen auf Fliesen gezeigten Motiven illustriert ist:

www.fliesenbibel.de